{"id":445,"date":"2011-09-28T17:06:28","date_gmt":"2011-09-28T15:06:28","guid":{"rendered":"http:\/\/b-logos.de\/?p=445"},"modified":"2012-01-23T01:04:33","modified_gmt":"2012-01-22T23:04:33","slug":"die-benediktinische-wende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/b-logos.de\/?p=445","title":{"rendered":"Die benediktinische Wende"},"content":{"rendered":"<p>Vor 1700 Jahren, mit dem Toleranzedikt des Galerius im Jahre 311, begann eine Entwicklung, die als Konstantinische Wende bezeichnet wird. Diese Entwicklung machte im Verlauf von 69 Jahren aus der diskriminierten und verfolgten christlichen Kirche eine Kirche, die mit reichen gesellschaftlichen und staatlichen Privilegien ausgestattet war. Eine Einschr\u00e4nkung dieser Privilegien im Laufe der Jahrhunderte wurde bisher von Seiten der Betroffenen immer grunds\u00e4tzlich beklagt.<\/p>\n<p>Am Sonntag, dem 25. September 2011 hielt Papst Benedikt der XVI. in Freiburg im Breisgau vor 1500 Zuh\u00f6rern eine historisch bedeutsame Rede, in der er eine Kehrtwende vollzog.<!--more--> Er sagte <a title=\"Die Kirche muss sich ent-weltlichen\" href=\"http:\/\/kath.net\/detail.php?id=33257\">w\u00f6rtlich<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenl\u00e4ufige Tendenz\u201c [zur apostolischen Sendung der Kirche, Anm. d. Verf.] \u201e, da\u00df n\u00e4mlich die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgen\u00fcgsam ist und sich den Ma\u00dfst\u00e4ben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung gr\u00f6\u00dferes Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit auf Gott und der Welt auf den anderen hin.<\/p>\n<p>Um ihrem eigentlichen Auftrag zu gen\u00fcgen, mu\u00df die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von der Weltlichkeit der Welt l\u00f6sen. Sie folgt damit den Worten Jesu nach: \u201aSie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin\u2018 (Joh 17,16). Die Geschichte kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der S\u00e4kularisierung zur Hilfe, die zu ihrer L\u00e4uterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben.<\/p>\n<p>Die S\u00e4kularisierungen \u2013 sei es die Enteignung von Kircheng\u00fctern, sei es die Streichung von Privilegien oder \u00e4hnliches \u2013 bedeuteten n\u00e4mlich jedesmal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich ja dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entbl\u00f6\u00dft und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt. Damit teilte sie das Schicksal des Stammes Levi, der nach dem Bericht des Alten Testamentes als einziger Stamm in Israel kein eigenes Erbland besa\u00df, sondern allein Gott selbst, sein Wort und seine Zeichen als seinen Losanteil gezogen hatte. Mit ihm teilte sie in jenen geschichtlichen Momenten den Anspruch einer Armut, die sich zur Welt ge\u00f6ffnet hat, um sich von ihren materiellen Bindungen zu l\u00f6sen, und so wurde auch ihr missionarisches Handeln wieder glaubhaft.<\/p>\n<p>Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des N\u00e4chsten wieder unbefangener leben. Die missionarische Pflicht, die \u00fcber der christlichen Anbetung liegt und die ihre Struktur bestimmen sollte, wird deutlicher sichtbar. Sie \u00f6ffnet sich der Welt, nicht um die Menschen f\u00fcr eine Institution mit eigenen Machtanspr\u00fcchen zu gewinnen, sondern um sie zu sich selbst zu f\u00fchren, indem sie zu dem f\u00fchrt, von dem jeder Mensch mit Augustinus sagen kann: Er ist mir innerlicher als ich mir selbst (vgl. Conf. 3, 6, 11). Er, der unendlich \u00fcber mir ist, ist doch so in mir, da\u00df er meine wahre Innerlichkeit ist. Durch diese Art der \u00d6ffnung der Kirche zur Welt wird damit auch vorgezeichnet, in welcher Form sich die Weltoffenheit des einzelnen Christen wirksam und angemessen vollziehen kann.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede blo\u00dfe Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdr\u00e4ngt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch da\u00df sie ihn ganz in der N\u00fcchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheiten sind.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass eine Befreiung von Privilegien unangenehme Folgen mit sich bringen kann, ist absehbar. Die geistliche Dimension dieses Prozesses l\u00e4sst sich am ehesten im Licht von Lukas 9 \/Matth\u00e4us 16 erahnen. Dieses Kapitel schildert die Wende in der \u00f6ffentlichen Wirksamkeit des Herrn. Bis zu diesen Geschehnissen zog er heilend und lehrend in Galil\u00e4a umher. Von da an jedoch zog er Richtung Jerusalem, sein Leiden und seine Erh\u00f6hung vor Augen. Dem Ersten der J\u00fcnger fiel nur ein: \u201eGott beh\u00fcte\u201c.<\/p>\n<p>Ebenso reflexartig erscheinen mir die unmittelbaren Dementis von I. E. <a title=\"Zollitsch zieht positive Bilanz der Papstreise\" href=\"http:\/\/www.muenchner-kirchenradio.de\/nachrichten\/nachrichten\/article\/zollitsch-zieht-positive-bilanz-der-papstreise.html\">Erzbischof Zollitsch<\/a>, <a title=\"Kardinal Lehmann: Papst zweifelt Kirchensteuer nicht an\" href=\"http:\/\/www.main-spitze.de\/nachrichten\/politik\/hessen\/11203584.htm\">Kardinal Lehmann<\/a>, <a title=\"Deutungsversuche zu den Freiburger Thesen\" href=\"http:\/\/www.domradio.de\/benedikt\/76711\/deutungsversuche-zu-den-freiburger-thesen.html\">Bischof Ackermann<\/a> und des K\u00f6lner Staatskirchenrechtlers <a title=\"kathweb: Papstbesuch: Zollitsch, Lehmann und Thierse zufrieden\" href=\"http:\/\/www.kathweb.at\/site\/nachrichten\/database\/41845.html\">Stefan Muckel<\/a>: Der Papst habe keine Abschaffung der Kirchensteuer gefordert. Nein, nat\u00fcrlich hat er das nicht. Er hat aber, indem er den geistlichen Nutzen der S\u00e4kularisierung betont hat, den Weg in diese Richtung eingeschlagen. Es scheint, der Hl. Vater wird Einiges an Schelte zu h\u00f6ren bekommen.<\/p>\n<p>Organisationen wie der HVD dagegen <a title=\"Privilegienb\u00fcndel der Kirchen sind nicht l\u00e4nger haltbar\" href=\"http:\/\/www.humanismus.de\/pressemitteilung\/privilegienb%C3%BCndel-der-kirchen-sind-nicht-l%C3%A4nger-haltbar\">freuen sich<\/a> \u00fcber die Worte von Papst Benedikt, sehen sie sich doch in ihren Forderungen best\u00e4rkt, den \u00f6ffentlichen Einfluss der Kirche zu verringern. Ist es unklug, vom Papst, solchen Forderungen entgegenzukommen? Nein. Sein Handeln\u00a0 ist im Sinne von Mt 5,40.<\/p>\n<p>Die Wirkung dieser benediktinischen Wende wird nicht morgen und nicht \u00fcbermorgen zu beobachten sein. Vielleicht wird man erst in Generationen ihre Bedeutung erfassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 1700 Jahren, mit dem Toleranzedikt des Galerius im Jahre 311, begann eine Entwicklung, die als Konstantinische Wende bezeichnet wird. Diese Entwicklung machte im Verlauf von 69 Jahren aus der diskriminierten und verfolgten christlichen Kirche eine Kirche, die mit reichen gesellschaftlichen und staatlichen Privilegien ausgestattet war. 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