Bin ich ein Fundamentalist?

Einem norwegischen Polizeibeamten kann man es noch verzeihen, wenn er aus Mangel an religionswissenschaftlicher Bildung aus dem Attentäter einen Fundamentalisten macht. Der Presse schon weniger, wenn sie das unreflektiert zur Schlagzeile macht.

Wenn aber einer, der es wissen müsste, sich folgendermaßen äußert, finde ich das bedenklich. Da titelt die evangelische Nachrichtenagentur idea: „Kirchenleiter warnen vor christlichem Fundamentalismus“ und berichtet über den württembergischen Landesbischof Frank Otfried July, der die eigenartige Begrifflichkeit folgendermaßen definiert: „im Namen Jesu andere Menschen zu verurteilen, rassistisch zu werden oder überhaupt Menschen zu verachten“. Ich kann mir nicht recht vorstellen, welche Gruppierung unter einer solchen Definition wiederzufinden sein soll. Weiter „dürfe man das Etikett ‚Fundamentalismus‘ nicht schnell aufkleben“. Wie? Also langsam darf man es? Und „den württembergischen Pietismus würde er nicht so bezeichnen“. Welch subjektiv herablassende Ausdrucksweise! Implizit lese ich: Jedem ist es freigestellt, es anders zu sehen. Also noch einmal: Ein norwegischer Polizist bezeichnet einen Massenmörder als christlichen Fundamentalisten, worauf der württembergische protestantische Bischof zu erkennen gibt, dass er den württembergischen Pietismus, also diejenigen seiner Schäfchen, die nicht ganz so liberal sind wie er selbst, nicht als christliche Fundamentalisten bezeichnen würde. Konjunktiv! Hä?

Wie differenziert ist doch da der Beitrag des katholischen Bischofs von Oslo. „Es gibt auch Fundamentalisten, die ordentliche Leute sind, moralisch gesehen. Hier muss man mit den Begriffen sehr vorsichtig umgehen.“

Es liegen da nämlich Welten zwischen dem historischen Begriff des Fundamentalismus, der eine bestimmte Richtung der Evangelikalen in den USA bezeichnet, und der heutigen Verwendung als abwertende bis polemische Bezeichnung im Sinne von Intoleranz, Verhärtung, Fanatismus bis hin zu Gewaltbereitschaft.

Interessant zu sehen, wie sich die Autoren der Wikipedia an dem Begriff einen abbrechen. Lesenswert ist da vor allem die Diskussionsseite, auf der die Fragwürdigkeit des ganzen Unternehmens deutlich wird. Ich kann da nur dem Autor Eugen Ettelt beipflichten, wenn er schreibt:

Ein eigenartiger Artikel über ein Wort, das meist nur als Polemik gebraucht wird. Da das Wort „Fundamentalismus“ nur ein Schlagwort für alles und nichts ist, ist ein Artikel in einem Enzyklopädischen Lexikon darüber sehr fraglich – zumindest wenn er versucht, dem Wort eine gewisse ‚wissenschaftliche‘ Untermauerung zu geben. … Irgendwie wissenschaftlich ist der Begriff ohnehin nicht definiert, abgesehen von vielen Pseudodefinitionen (siehe Artikel). Deshalb meine Bitte an die Autoren: die 1001 Gruppen, Standpunkte, Religionen, Einrichtungen, Konfessionen, Schlagworte, Councils, Gemeinschaften und Allianzen rauswerfen. Keiner hat das Recht, diese Gruppen mit dem Schlagwort Fundamentalismus zu belegen. Was objektiv ist und besser zum Wikipedia-Artikel passt: die Herkunft des Wortes, die polemisierende Verwendung des Wortes, die unklare Abgrenzung des Wortes zu ähnlichen Begriffen, die Verwendung des Wortes in konkreten Beispielen. Dann ist der Artikel zwar 10 mal so kurz, aber auch 10 mal so gut. … Ein weiterer Kalauer aus dem Artikel: „Gemeinsam sind katholischen und protestantischen Fundamentalisten die absolut gesetzten konservativen Werte bezüglich Familie und Moral.“ Damit wären alle Päpste Fundamentalisten, die mal was über Moral gesagt haben,…

Die Wikipedia enthält trotz dieser zweifelhaften Situation zusätzlich Artikel zu christlichem, islamischem, jüdischem und hinduistischem Fundamentalismus. Wo bleibt da eigentlich der buddhistische, animistische, neuheidnische, marxistische, marktliberale und atheistische Fundamentalismus?

Der oben zitierte Eugen Ettelt hatte ja schon moniert, dass je nach Ausweitung des Begriffes jeder Papst per definitionem als Fundamentalist zu bezeichnen wäre. So wundert es auch nicht, dass im WP-Artikel über christlichen Fundamentalismus zu guter Letzt auch Kardinal Ratzinger erwähnt wird. Pikanterweise beruft sich die WP auf unbelegte Aussagen von Ludwig Ring-Eifel von der kna, die auf dieser Domradio-Seite nachzulesen sind.

Angesichts dieser Bandbreite von historischen und polemischen Definitionen des Begriffes trete ich die Flucht nach vorn an und wähle eine wörtlich-bibli(zisti)sche erneute Um-Deutung:

Er heißt: der Fels. Vollkommen ist, was er tut; denn alle seine Wege sind recht. Er ist ein unbeirrbar treuer Gott, er ist gerecht und gerade. … An den Fels, der dich gezeugt hat, dachtest du nicht mehr, du vergaßest den Gott, der dich geboren hat. Dtn 32,4.18 –

Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Mt 7,24f –

Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Mt 16,18

Wenn ich also felsenfest an einen unbeirrbar treuen Gott glaube, der mir als erstrebenswert vor Augen hält, wie ein Mensch zu sein, dessen Haus aufgrund des festen Fundamentes Stürmen und Fluten widerstehen kann, indem ich über seine Worte nicht diskutiere, sondern danach handle, auch indem ich mich an den halte, den er als Felsen-Fundament seiner Kirche bestimmt hat – bin ich dann ein Fundamentalist? Ohne Zweifel?!

 

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