Vatileaks 3.0 – der Briefwechsel Benedikts XVI. mit Kardinal Brandmüller

mit Ergänzung vom 21.9.2018, 14 Uhr

Ist der vom Boulevard-Blatt BILD in seiner Online-Ausgabe vom 20.9.18 um 9.37 MESZ veröffentlichte, aber bereits um 0.09 Uhr MESZ auf Twitter angekündigte und verlinkte Auszug aus einem angeblichen Briefwechsel zwischen dem emeritierten Papst Benedikt XVI. und einem ungenannten Kardinal echt oder eine Fälschung oder eine manipulierte Darstellung?

Wir lesen angebliche Worte Benedikts, in welchen er ausdrückt, dass er sich persönlich und den Ruf seines Pontifikates angegriffen fühlt,

„…Zorn …, der … sich immer mehr auch auf meine Person und mein Pontifikat im ganzen ausdehnt. Auf diese Weise wird nun ein Pontifikat selbst entwertet …“

und mit welchen er dann den Adressaten auffordert:

„Wenn Sie einen besseren Weg wissen (gemeint ist der Rückritt [sic!], Anm. d. Red.) und daher glauben, den von mir gewählten verurteilen zu können, so sagen Sie es mir bitte.“

BILD skandalisiert die höfliche Bitte: „Er wies den Kardinal scharf zurecht“

Die wenigen aus dem Zusammenhang gerissenen Zeilen lassen Benedikt XVI. als um seinen eigenen Ruf besorgt und besonders den Adressaten als schädigend erscheinen.

Unmittelbar folgendes Narrativ der New York Times

Noch am gleichen Tag gibt die New York Times (NYT) an, den vollständigen Briefwechsel von BILD erhalten zu haben, nennt auch gleich den von BILD noch verschwiegenen Adressaten Kardinal Brandmüller und veröffentlicht erheblich mehr vom Inhalt als BILD.

„Bild provided the letters in their entirety to The Times.“

New York Times am 20. 9. 2018

Um 00.58 Ortszeit bzw. 9.58 MESZ, also 21 Minuten nach der Veröffentlichung in BILD twittert der Leiter der römischen Niederlassung der New York Times, Jason Horowitz, die Nachricht über die Veröffentlichung von BILD, verlinkt seinen eigenen mehrseitigen ohne Uhrzeitangabe erschienenen Artikel in der New York Times und fügt ein neues Narrativ hinzu:

„…scheint Papst Benedict XVI. von den lautesten und ärgerlichsten Kritikern von Papst Franziskus zu verlangen, endlich damit aufzuhören.“

Jason Horowitz in der oben eingebetteten Twitter-Nachricht

Und in der Bildunterschrift:

In privaten Briefen tadelt Benedikt Kritiker von Papst Franziskus.

Benedikt XVI., der emeritierte Papst, wies die Idee zurück, Teil eines rivalisierenden Machtzentrums innerhalb des Vatikans zu sein, wie manche konservativen Kritiker von …“

Jason Horowitz in der dazugehörigen Bildunterschrift

Tatsächlich geht es in den bisher veröffentlichten Stellen des Briefwechsels nicht um Papst Franziskus, sein Pontifikat und seine Kritiker.

Am zeitlichen Ablauf sieht man, dass es sich um eine konzertierte Aktion von BILD und NYT handelt. Da die BILD-Zeitung an sich weniger an vatikanischen Themen interessiert ist und auch im Artikel mehr die emotionalen als die kirchenpolitischen Aspekte thematisiert („Papst in großer Sorge“, „Wut-Brief“), da Horowitz seinen mehrseitigen Artikel bereits wenige Minuten nach BILD veröffentlichen kann und da die NYT wesentlich umfangreichere Inhalte veröffentlicht, scheint mir, dass Urheber der Aktion die NYT ist und die Erstveröffentlichung nur aus strategischen Gründen zunächst in Deutschland erfolgte, zum Beispiel zur Verschleierung des römischen Ursprungs des Lecks. Ich gehe davon aus, das wir Vatileaks 3.0 vor uns haben.

Dass der Briefwechsel nicht vollständig veröffentlicht wurde, sondern nur jene Sätze aus dem Zusammenhang gerissen wurden, die Benedikt und Brandmüller in einem schlechten Licht erscheinen lassen, erinnert verdächtig an jene spin-doctors, die erst im März einen Brief von Benedikt manipulierten. Man erkennt den durchsichtigen Versuch, einmal mehr Benedikt XVI. für Papst Franziskus und gegen dessen Kritiker zu instrumentalisieren.

Wenn der Briefwechsel nicht vollständig gefälscht sein sollte, ist zumindest die Manipulation unübersehbar. Und Papst Benedikt ist zu bedauern, dass er nach wie vor von Raben umgeben ist, vor denen kein privates Dokument sicher ist. Eure Exzellenz Msgr. Gänswein, ermitteln Sie!

Es ist natürlich auch zu bedenken, dass eine sicher unauthorisierte Veröffentlichung privater Daten durch Dritte – jetzt zum wiederholten Male – eine erhebliche Verunsicherung und Einschüchterung der betroffenen Person darstellt. Und es stellt sich die Frage, ob diese Einschüchterung gewollt ist und warum dieses genau zum jetzigen Zeitpunkt erfolgt.

Man rufe sich die Ereignisse des Pontifikates von Benedikt XVI. ins Gedächtnis, insbesondere jene Geschehnisse, welche eine erhebliche seelische Zermürbung oder Einschüchterung Benedikts hervorgerufen haben oder dazu geeignet waren:

  • 24. April 2005: Papst Benedikt bittet die Zuhörer seiner Predigt zur Amtseinführung: „Betet für mich, dass ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe.“
  • Nach Erscheinen des Buches „Vatikan AG“ von Gianluigi Nuzzi mit Enthüllung krimineller Machenschaften – Verwaltung von Geld des organisierten Verbrechens und Verschiebung von Millionen aus Korruptionsgeschäften – in der Vatikanbank auch unter dem damaligen Präsidenten wechselt Papst Benedikt am 23.9.2009 den gesamten Aufsichtsrat aus und macht Ettore Gotti Tedeschi zum neuen Präsidenten
  • am 24.11.2010: der nicht natürliche Tod seiner Haushälterin Manuela Camagni  wird laut der Angabe seines Sekretärs, Erzbischof Gänswein, zu Benedikts größter seelischer Belastung während seines Pontifikates
  • im Februar 2012 prophezeite Paolo Kardinal Romeo, dass Papst Benedikt innerhalb von 12 Monaten an einem Mordkomplott sterben werde
  • Anfang 2012 Vatileaks 1.0: die Publizierung von „Seine Heiligkeit. Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.“ durch den Journalisten Gianluigi Nuzzi. Papst Benedikt beauftragte mit der Aufklärung des Skandals die Kardinäle Herranz, Tomko und De Giorgi.
  • am 23.5.2012 wurde mit dem Rücktritt Ettore Gotti Tedeschis das Scheitern einer Reform der Vatikanbank IOR deutlich. Gotti Tedeschi fürchtete um sein Leben, nachdem er begonnen hatte, Fragen nach den Namen hinter den Nummernkonten zu stellen.
  • am 24.5.2012 im Zuge der Ermittlungen die Festnahme, Aufdeckung von Unehrlichkeit und Persönlichkeitsstörung seines Kammerdieners und der bleibende Verdacht einer Steuerung Gabrieles durch außenstehende Personen. Papst Benedikt war „betrübt und geschockt“.
  • im Herbst 2012 fing Papst Benedikt mit den Vorbereitungen für seine Abdankung an, indem er den Auftrag zum Umbau des einstigen Klosters Mater Ecclesiae erteilte
  • am 17. Dezember 2012 legten die beauftragten Kardinäle dem Papst den 300-seitigen Abschlussbericht über ihre Ermittlungen vor. Gerüchten zufolge enthält er vor allem weitverbreitete Verstöße gegen das 6. und 7. Gebot, konkret Verwicklung vieler hoher Kurienmitarbeiter in Korruption und homosexuelle Unkeuschheit.
  • am 3. Januar 2013 wurden wegen fehlender Anti-Geldwäsche-Maßnahmen der Vatikanbank durch die italienische Zentralbank der bargeldlose Verkehr und die Geldautomaten des Vatikan gesperrt.
  • 11. Februar 2013 Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt
  • 12. Februar 2013 wurde der bargeldlose Zahlungsverkehr und die Funktionsfähigkeit der Geldautomaten wiederhergestellt
  • 15. Februar 2013 Installierung des neuen Aufsichtsrats-Präsidenten  der Vatikanbank Ernst von Freyberg als eine der letzten Amtshandlungen Benedikts.
  • 28. Februar 2013 Ende des Pontifikates von Papst Benedikt XVI.

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Was ist das rechte Himmelfahrtsgefühl?

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Stille Post mit der Vater-Unser-Bitte: Irrtum gebiert Irrtum

Die neue Bibelübersetzung der italienischen Bischofskonferenz von 2008 lieferte bereits eine Version der Vater-Unser-Bitte „führe uns nicht in Versuchung“, mit welcher aus einem falschen Verständnis dieser Bitte versucht wird, das vermeintliche irreführende Gottesbild glatt zu bügeln, mit dem Ergebnis, dass das Gegenteil erreicht wird. Es heißt im italienischen Original der neuen bischöflichen Bibelübersetzung von 2008 nämlich

„non abbandonarci alla tentazione“ (=überlasse uns nicht der Versuchung).

„Stille Post mit der Vater-Unser-Bitte: Irrtum gebiert Irrtum“ weiterlesen

Ganz einfach: Und führe uns nicht in Versuchung…

Es ist ganz einfach: man muss lediglich sauber unterscheiden zwischen 1. jemanden in Versuchung führen und 2. jemanden versuchen. Die Ausdrücke klingen zwar ähnlich, beschreiben aber zwei grundverschiedene Sachverhalte. Der Bibeltext unterscheidet (vergleiche die im folgenden zitierten Stellen in der Interlinearübersetzung NT) zwischen den beiden Ausdrucksformen; etliche Übersetzungen (einschließlich Einheitsübersetzung), Exegeten, Bischöfe und Papst (siehe Links beim Kreuzknappen, welcher letztlich auch diesen Artikel bei mir induziert hat) tun das leider nicht; am besten sind in dieser Hinsicht noch Elberfelder und Menge-, auch Luther-Bibel. „Ganz einfach: Und führe uns nicht in Versuchung…“ weiterlesen